Weniger Appetit – mehr Krankheiten Alte Menschen verlieren den Appetit.
Die sogenannte Altersanorexie (Appetitlosigkeit im Alter) ist besonders im hohen Alter weit verbreitet.
Professor Helmut Heseker, Leiter der Fachgruppe Ernährung und Verbraucherbildung der Universität Paderborn, fand im Rahmen der „Paderborner Ernährungsstudie“ heraus, dass 25 Prozent der älteren Frauen über 65 Jahre unter Appetitlosigkeit klagen. Fazit des Forschers: „Hervorzuheben ist, dass mit zunehmenden Alter der Appetit deutlich abnahm.“ Anders als die (jugendliche) „Anorexie“ ist die Altersanorexie nicht psychisch bedingt, sondern physiologischer, also körperlicher Natur. Bei alten Menschen läuft zum Beispiel die Magenentleerung wesentlich langsamer ab, das heißt, alte Menschen fühlen sich länger satt. Reduziert ist auch die Verdauungsfunktion. Weniger Verdauungsenzyme wie Pepsin und weniger Magensäure sind verantwortlich dafür, dass die Lebensmittel im Magen enzymatisch nicht mehr vollständig „aufgeschlossen“ und verdaut werden. Infolge davon werden essentielle Nährstoffe, die in der Nahrung eigentlich enthalten sind, nicht mehr in ausreichenden Mengen freigesetzt und folglich nicht gut absorbiert.

So kommt es beispielsweise trotz genügender Vitamin-B12-Zufuhr bei hochbetagten Personen häufig zu einer Mangelerkrankung. Vitamin-B12-Mangel (Pernitiöse Anämie) ist in deutschen Kliniken die häufigsten Vitaminmangelerkrankung, von der nach Angaben des Paderborner Ernährungsexperten mehr als 25 Prozent aller Hochbetagten betroffen sind. Viele Seniorinnen und Senioren fühlen sich nach drei Gabelbissen bereits „pappensatt“, das heißt, altern führt auch zu einer Fehlsteuerung der Nahrungsaufnahme. Das frühzeitige Sättigungsgefühl entsteht zum einen deshalb, weil die Elastizität des Magens reduziert ist, so dass der Magen schneller gefüllt ist. Zum anderen verändern sich die an der Hunger-Sättigungs-Steuerung beteiligten Sättigungs-hormone wie z.B. Chole- cystokinin und Leptin. Physiologisches Ergebnis: Das Gehirn erhält vorzeitig Sättigungssignale. Deshalb wird das Essen zu einem Zeitpunkt abgebrochen, an dem der Energiebedarf noch nicht gedeckt ist. Mit „Sniffin Sticks“ (Geruchsstreifen) haben Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke das Geruchsempfinden von jungen und alten Menschen getestet. Die Untersuchungen machten deutlich, dass die Geruchs- wahrnehmung bei den über 75-jährigen erheblich reduziert ist, wobei Männer mit einem Minus von 50 Prozent mehr olfaktorische Handicaps haben als Frauen (minus 25 Prozent). Geruchsvermögen ist aber die entscheidende Voraussetzung für Geschmacksempfinden. Außerdem lassen im Alter die Sinnes- wahrnehmungen nach, mit der traurigen Konsequenz, dass die Nahrung einfach nicht mehr schmecken will. Auch der Verlust von Geschmackspapillen auf der Zunge, zuständig für „süß“ und „salzig“, führt zu erheblichen Geschmacksveränderungen: es kommt zu einer Dominanz von „sauer“ und „bitter“, was den Appetit erheblich beeinträchtigen kann. Wenn zusätzlich appetitmindernde Erkrankungen vorliegen oder hinzukommen (geistige Beeinträchtigungen wie Verwirrtheit, Depressionen, Parkinson und Alzheimer), dann ist eine Mangelernährung nach Ansicht von Experten nahezu vorprogrammiert.
Untersuchungen konnten zeigen, dass ältere Menschen – im Gegensatz zu jüngeren – nach einer Phase der Körper- gewichtsabnahme ihr früheres Gewicht nicht oder nur sehr langsam wieder erreichen können, es sei denn,

man sorgt für eine entsprechend kalorienreiche Kost. Wesentlichen Einfluss auf den Appetit haben auch die Medi- kamente: Während in der „Paderborner Seniorenstudie“ 27,3 Prozent der Senioren ohne Medikamenten- konsum einen sehr guten Appetit hatten, gaben nur 9,2 Prozent der Senioren, die täglich mehr als fünf Medikamente einnahmen, einen sehr guten Appetit an. Gelegentlich führen auch falsch dosierte Beruhigungs- oder Schlafmittel dazu, dass ältere Menschen bei den Mahlzeiten schläfrig sind und deswegen weniger essen. Zahn-, Gebiss-, und Kaubeschwerden verursachen Schmerzen beim Essen, auch dies kann ein Grund für eine unausgewogene Kost sein. Deshalb sollten, neben einer gründlichen Zahn- oder Prothesenpflege, immer eine frühzeitige Zahnsanierung, regelmäßige Kontrollen der Prothesen auf die Passform und des Kiefers auf Druckstellen obligatorisch sein. Als Ursachen für Dysphagie (Schluckstörungen) sind an erster Stelle neurogene Störungen wie Schlaganfall und Alzheimer-Erkrankung zu nennen oder strukturelle Probleme, die beispielsweise durch Tumoren oder Operationen entstehen. Im höheren Alter steigt die Inzidenz (Neuerkrankungen) akuter und chronischer Krankheiten, weshalb die Senioren die größte Risikogruppe für Schluckstörungen darstellen. 75 Prozent der Schlaganfälle treten bei Personen von über 65 Jahrem auf. In einer schwedischen Studie zeigte sich, dass 80 Prozent der Schlaganfallpatienten in Pflegeheimen nicht mehr allein essen konnten. Pro Jahr erleiden rund 200.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Eine oder mehrere Beeinträchtigungen bei der Nahrungs- aufnahme, u.a. Schluckstörungen, wurden bei fast einem Viertel der Patienten beobachtet. (Quelle: DGE )
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